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Das sexuelle Bollwerk. Sinn und Wahnsinn von Wilhelm Reich.
Das sexuelle Bollwerk. Sinn und...
Was Mulisch aus dieser Biographie entnahm, war vor allem die über weite Strecken spekulative Rekonstruktion von dramatischen Ereignissen aus Reichs Kindheit und Jugend und von deren vermeintlichen Konsequenzen. Jetzt ging es ihm auf, "dass alles, was Reich je gesagt und geschrieben hat, auf diese maximal acht Elemente zurückgeführt werden kann: 1. Der kleine Junge; 2. Das Schlüsselloch; 3. Der Orgasmus der Mutter; 4. Der Hauslehrer; 5. Das Verraten; 6. Der Selbstmord der Mutter; 7. Das Verschwinden des Hauslehrers; 8. Der verzögerte Selbstmord des Vaters im kalten Wasser." (179) Man staunt, wie schnell Mulisch seine Auseinandersetzung mit Reichs umfangreichem Werk beendet hat. Schon 1973, wenige Monate nach seiner dramatischen Konfrontation mit Reichs »Die Funktion des Orgasmus«, erschien seine Bilanz von "Sinn und Wahnsinn". Man merkt sofort: Es war Reichs Auffassung des Sexuellen, die Mulisch nicht ertragen konnte. Er, der sozusagen als Qualifikationsnachweis -- manche meinen: ironisch -- ein Gerücht referiert, wonach er "mit 2000 Frauen im Bett" (72) gewesen sein soll, mokiert sich denn auch über den "moralistischen, ja prüden Hintergrund von Reichs Denken".(71) Zugleich preist er Reich durchaus als "genialen Psychoanalytiker" (86), durch dessen "Charakteranalyse ... zum ersten Mal 'Menschenkenntnis' zur Wissenschaft wurde." (93) Dennoch: "Reich hat immer fanatisch und undifferenziert monistisch gedacht." (121) An anderer Stelle meint Mulisch wiederum, "dass meine Interpretation von Reichs Werk ... gewisse Ähnlichkeit mit der Methode hat, die Reich anwandte", (178) und spricht von den "zahllosen Parallelen, die es zwischen Reichs und meinem Leben gibt." (185) Reichs "neueste politische Ideen [1940: 'Arbeitsdemokratie'], die unverkennbar einen korporativ-faschistischen Stempel trugen", (161) sind ihm natürlich ebenso "widerlich" wie Reichs »Rede an den Kleinen Mann«. (163) Dieses Hin und Her Mulischs hielten Rezensenten für ein Zeichen distanzierten und souveränen Urteilens. Mulischs Buch, voller Ambivalenz gegenüber seinem Gegenstand, war indes ersichtlich ein Schnellschuss zur Abwehr nach kurzer Konfrontation. Dass er nicht traf und dass Mulisch persönlich dennoch das unbewältigte Problem Reich leicht verdrängen konnte, blieb unbemerkt, weil er in den folgenden Jahren eine glänzende Karriere als Schriftsteller machte. Als man ihm deshalb 25 Jahre später die Neuauflage jenes längst vergessenen und im Grunde belanglosen Buches antrug, mochte er nicht ablehnen, obwohl er das Thema für antiquiert hielt: "Ich glaube nicht, dass einer jetzt Reich lesen soll, um etwas zu lernen. Was er Vernünftiges gesagt hat, ist längst ins allgemeine Bewusstsein übergegangen." (Profil, Wien, 24.3.1997, S. 100) Aus welchem Grund aber liest welche Lesergruppe heute dennoch relativ zahlreich und meist mit zustimmender Genugtuung Mulischs eher private Abrechnung mit Reich aus dem Jahre 1973? Es sind wohl vor allem jene "Alt-68er", die mit Mulischs Hilfe das, was sie heute als ihre "Jugendtorheiten" (Rutschky) bezeichnen, noch einmal und noch weiter wegschieben wollen. Sie übersehen bereitwillig Mulischs unsichere Pose, nehmen ihn als zeitgemäss locker, humorvoll, souverän. Harry Mulisch treffe Reich "auf Augenhöhe", schreibt begeistert der psychoanalytische Autor Michael Schröter (taz, 20.3.1997), der auch in der Fachpresse gegen einen -- freilich bloss eingebildeten -- "Mythos Reich" streitet. Tatsächlich ist Mulischs Perspektive aber die, die er Reich unterstellt: durchs Schlüsselloch. Mulischs Schrift gehört zu jenen Texten, die, obgleich von der Substanz her belanglos, deshalb Interesse verdienen, weil sie trotzdem von vielen Lesern mit einem erstaunlichen Enthusiasmus begrüsst werden. Das Buch und seine aktuelle Rezeption kann einigen Aufschluss geben über das Schicksal der "Ideen von 1968", von denen einige heute vielleicht doch nicht so obsolet sind, wie allenthalben beteuert wird. Autor: Bernd A. Laska
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